Kurzgeschichte: N-2-020-K01-1002

Dylan stand hinten an der Wand, die Arme verschränkt, den Blick gesenkt. Er nahm die Nachricht in sich auf. Keine gute Nachricht. Dennoch reagierte er gefasst. Im Gegensatz zu den anderen. Robert strich sich über den Bart, wenn man diese paar Stoppeln einen Bart nennen wollte. Jerrod knetete abwechselnd seine Finger oder malträtierte die Tischplatte. Trisha versuchte schlichtweg, sich nichts anmerken zu lassen. Und Kelsey … ja … Kelsey. Die nahm es gar nicht gut auf.

„Was soll das heißen, wir suchen nicht nach ihm?! Das kann doch nicht dein Ernst sein!“, fuhr sie ihn an. Wäre er ihr militärischer Vorgesetzter, hätte er sie zurechtgewiesen. So ließ er es ihr gerade nochmal durchgehen.

„Das Projekt darf nicht gefährdet werden“, bemühte er sich um Sachlichkeit und einen ruhigen Ton. „Suchen wir nach Darren, bringen wir ihn in Gefahr und ebenso uns selbst. Eure Ausbildung. Das monatelange Training. Unsere ersten Einsätze. Das alles wäre vergebens, würden wir nun aufbrechen und nach ihm suchen.“

„Es ist doch ohnehin vergebens. Wir funktionieren aktuell nur mit Darren. Jetzt stehen wir ohne ihn da. Ohne Team Leader.“

„Das ist so nicht ganz korrekt“, erwiderte er auf Kelseys wütende Ausführung. Bevor er den Protectors offenbaren konnte, wie es weiterginge, war Kelsey zur Tür hinaus verschwunden. Thomas stützte sich mit den Armen auf der Tischplatte ab, ließ den Kopf hängen und atmete einmal tief durch. Als er den Kopf wieder hob, bemerkte er, dass ihn die anderen Team-Mitglieder fragend und verunsichert ansahen. Sie mussten die Welt nicht mehr verstehen. Dabei kratzten sie in dieser Welt ohnehin erst an der Oberfläche.

„Du redest von Kayleigh, nicht wahr?“ Dylan, der gefasste Dylan, war der Erste, der seine Sprache wiederfand.

Thomas hingegen fehlten die Worte. Es war ja nicht, als hätte ihn Darrens Weggang nicht ebenfalls getroffen. Aber im Moment gab es keine andere Möglichkeit. Sie mussten weitermachen und vor allem brauchten sie einen fähigen Team-Leader. Sie mussten schnell handeln. Er nickte.

„Puh“, entkam es Robert, der nun die Hände hinter dem Kopf faltete und sich im Stuhl weit genug zurücklehnte, dass dieser beinahe nach hinten kippte. „Das ist …“

„Eine Herausforderung. Ich weiß.“ Er nahm die Hände von der Tischplatte, stemmte sie stattdessen in die Hüften und stellte sich aufrecht hin. Kurz räusperte er sich, damit seine Stimme sicherer klang. „Ich weiß, was ihr denkt. Ihr seid enttäuscht. Ihr denkt, es ist vorbei. Das ist es nicht.“ Er deutete mit einer Hand in Richtung Tür der Kommandozentrale. „Ihr habt bewiesen, dass ihr zusammenarbeiten und in dieser Welt überleben könnt. Darren ist weg. Daran können wir nichts ändern. Ich bedauere es. Ich bedauere es sehr, aber ich weiß auch, dass wir weitermachen müssen, und ich weiß, dass ich, sobald sie einigermaßen auf den Beinen ist, zu Kayleigh gehen und ihr den Posten anbieten werde.“

Weiterhin diese fragenden Gesichter. Dieses Mal brachten sie ihn nicht ganz so sehr aus der Fassung. Er behielt seinen beherrschten, aber weiterhin ruhigen Tonfall bei. „Bevor er ging, bat mich Darren darum, dieses Team Kayleigh anzuvertrauen, und ich sehe keinen Grund, der dagegenspricht. Sie ist nicht Darren, aber sie wird einen verdammt guten Job machen.“

Er beobachtete die Runde gespannt. Dylan nickte dezent. Die anderen blieben weitestgehend regungslos. Das eine oder andere leise Seufzen erklang. Manch eine Augenbraue wanderte nach oben. Sie verdauten die Nachricht. Eine Nachricht, die alles andere als leicht zu verdauen war.

„Was, wenn sie Nein sagt?“, fragte Jerrod, der sich bislang ruhig verhalten hatte. Seinem neutralen Gesichtsausdruck entnahm Thomas, dass er diese Frage lediglich zur Diskussion stellen wollte. Jerrod war nicht auf Krawall gebürstet, wie es eine andere – inzwischen nicht mehr anwesende – Person regelmäßig war. Eigentlich gewann er Jerrods Frage sogar etwas Positives ab: Er lehnte die Idee, Kayleigh zum Team Leader zu haben, nicht ab.

Er zögerte. Er wollte sich nicht vorstellen, was wäre, wenn Kayleigh ablehnte. Er wollte sie aber auch nicht zu diesem Posten drängen. Er konnte ihr lediglich die Situation erklären und ihr das Angebot darlegen. Die Entscheidung musste sie aus freiem Willen treffen. „Dann werden wir uns etwas anderes einfallen lassen müssen.“